Einbußen, Lichtblicke - und Ignoranten: Wie Einzelhändler aus Zuffenhausen und Feuerbach die Corona-Zeit erleben - eine Momentaufnahme.

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Gestern Lockdown, heute "AHA"-Regel... und überhaupt weiß keiner so recht; kommt die 2. Welle noch, ist sie schon da? Wie geht es den Einzelhändlern mit den vielen Veränderungen, die Corona mit sich gebracht hat?

Eine kleine Umfrage unter Feuerbacher und Zuffenhäuser Einzelhändlern zeigt: Einige fürchten um ihre Existenz, andere sehen den Lichtblick in der Krise. Groß ist aber vor allem die Angst vor einer zweiten Welle - und vor Ignoranz und Uneinsichtigkeit der Menschen.

Vor allem Tourismusbranche, Gastronomie und Kulturschaffende gehören zu den Verlierern der Krise und einige Betriebe werden hier die kommenden Monate wohl nicht überstehen. Doch wie ist es mit den Einzelhändler auf der Stuttgarter Straße in Feuerbach? Jetzt, wo die Läden meist wieder im Normalbetrieb geöffnet haben, ergeben sich mitunter Lichtblicke an ganz unerwarteter Stelle: “Ich höre von vielen Kunden, dass sie nicht mehr gern in die Innenstadt fahren, sondern lieber vor Ort einkaufen wollen”, erzählt Markus Müller von Schuh-Sport-Striegel. Es scheint, als führe die Pandemie auch dazu, dass der lokale Handel besser wahrgenommen und genutzt wird. 

Dabei schielt man im Umland durchaus neidvoll auf die immer noch gute Durchmischung des Angebots auf der Stuttgarter Straße in Feuerbach. Im benachbarten Zuffenhausen beklagt Christiane Knorst, Mitinhaberin der Metzgerei Eisenmann, den Leerstand und das ausgedünnte Angebot auf der Unterländer Straße. Knorst bemerkt aber auch ein neues Qualitätsbewusstsein bei den Kunden und den Wunsch, zu wissen, woher das Fleisch kommt: Denn im Grunde hatte man jetzt im Hochsommer mit gleich drei Problemen gleichzeitig zu kämpfen: “Corona, der Tönnies-Skandal und die Hitze!” Die Unterländer Straße lade bei hohen Temperaturen nicht gerade zum Verweilen ein und gleichzeitig seien die Ladengeschäfte so ausgedünnt, dass der Standort auch eher weniger zum Bummeln einlade. Optikerin Andrea Finkel von “Finkel und Geisse” in Zuffenhausen bringt es auf den Punkt: Es zeige sich einmal mehr, dass die Krise da besonders schwer trifft, wo es bereits zuvor Schwachstellen gegeben hat.

Wer andererseits schon vor Corona einen treuen Kundenstamm hatte, kam leichter durch die Krise. Gloria Mangold, Inhaberin des Zuffenhäuser Nähbedarfs “Garn und Gloria” hält sich sogar für eine Gewinnerin der Corona-Zeit: Mangels anderer Freizeitaktivitäten habe so mancher in der Zeit das Nähen entdeckt: “Zumal ja auch mehr Zeit bleibt, wenn man zu Hause arbeitet, weil dann ja Pendeln wegfällt.” Sie erzählt, dass die Kunden/Innen Wartezeiten von bis zu zweieinhalb Stunden in Kauf nahmen, als der Laden endlich öffnen durfte.

Aber natürlich hat man auch in Feuerbach zum Teil herbe Umsatzverluste zu verzeichnen. Sonja Traub, Inhaberin von Blumen Pietsch beklagt, dass ihr ein ganzer Geschäftszweig weggebrochen sei: “Ich habe ja auch viel Blumenschmuck für Veranstaltungen gemacht, die aber noch immer alle abgesagt sind. Da muss ich viele Sträuße verkaufen, bis das ausgeglichen ist.” Ein bisschen anders sieht es im Handwerk aus, wie Günther Schmaus von Sanitär-Schmaus erzählt: “Erst hatten wir den Corona-Aufschub, jetzt haben wir den Corona-Stau”. Aus Angst vor einer Ansteckung hätten viele Kunden nicht notwendige Reparaturen aufgeschoben. 

Bisweilen ist aber nicht die fehlende Nachfrage, sondern der fehlende Nachschub das Problem. Die Wiedereröffnung des Caritas-Sozialkaufhauses Fairkauf, war von den Kunden bereits herbeibesehnt worden, erzählt Leiter Christian Winter. Allerdings habe man kaum noch Möbel auf Lager, weil die Spenden aus Furcht vor Ansteckung zurückgegangen seien und man gleichzeitig weniger Personal für die Abholung habe. 

Zufrieden zeigt sich hingegen Ursula Braun von der Schlafstatt: Die Solidarität der Stammkunden sei während des Lockdowns sei groß gewesen: “Wir haben auch über das Internet verkauft und die Sachen vor Ort geliefert.” Sie hat beobachtet, was zahlreiche befragte Einzelhändler bestätigen: Dass es offensichtlich ein Umdenken gegeben hat, weg vom billigen Massenprodukt und hin zu nachhaltig und qualitativ hochwertig.

Doch nach Corona ist möglicherweise vor Corona, und viele fürchten eine zweite Welle – und die Unvernunft ihrer Mitmenschen. Dominik Godl von Godl Hörakustik findet deutliche Worte: “Ich habe nicht so sehr Angst vor einer zweiten Welle, sondern mehr vor Maskengegnern und Corona-Leugnern.
Godl hat die AHA-Regeln: Atemschutz, Hygiene, Abstand für seinen Laden sorgfältig umgesetzt: “Mich selbst haut so schnell nichts um, aber ich habe ein Neugeborenes zu Hause”, sagt er. Und es sei nicht nur das: Verantwortung für die Gesundheit anderer zu übernehmen sei auch ein Zeichen des Respekts: “Unsere Kunden sind überwiegend über 70 oder haben Mehrfacherkrankungen, die sind gefährdet.” Er appelliert deshalb an die Vernunft der Menschen und mahnt die Einhaltung der Regeln an: “Ich trage täglich 10 bis 12 Stunden eine Maske und benutze ständig Desinfektionsmittel. Das mache ich nicht, weil es cool ist, sondern weil es sein muss!”

Zu jedem Zeitpunkt systemrelevant war die Apotheke im Romeo in Zuffenhausen-Rot. Hier galt es zum Beginn des Lockdowns, schnellstens zu reagieren, um Mitarbeiter und Kunden vor Ansteckung zu schützen. Zwar hatte man die ganze Zeit geöffnet, “aber klar, wir hatten einen Umsatzeinbruch” sagt Inhaber Matthias Walter: Wenn es nicht sein musste, ging man ja während des Lockdowns ja auch nicht zum Arzt. Mehr als eine Ansteckung fürchtet der Apotheker aber, was eine zweite Welle für Gesellschaft und Wirtschaft bedeuten würde: “Ich verstehe, dass die Leute wieder Normalität wollen, aber das geht leider nicht.” Er appelliert dringend an alle, private Befindlichkeiten hinten anzustellen und die AHA-Regeln endlich wieder besser einzuhalten: “Abstand, Hygiene, Atemschutz, jeder kann dazu beitragen, dass sich der Lockdown nicht wiederholt!”


Von Susanne Müller-Baji


FOTO OBEN:
Matthias Walter von der Apotheke im Romeo in Zuffenhausen-Rot und Optikerin Andrea Finkel aus Zuffenhausen-Mitte

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