Im Kittchen war ein Büro frei: Zuffenhäuser Pfarrer wagt den Neustart

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Eigentlich wollen ja immer alle raus aus dem Gefängnis. Bei Dieter Kümmel war es umgekehrt: Nach 20 Jahren in der hiesigen Evangelischen Kirchengemeinde wagte der Zuffenhäuser Pfarrer den Neustart: Seit Februar versieht er seinen Dienst als Gefängnisseelsorger der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Stammheim. Bedeutet das nun lebenslange Haftstrafe oder bietet es sogar ungeahnten Freiraum?


Von Zuffenhausen nach Stammheim sind es wenige Kilometer Luftlinie, doch zwischen den Wirkungsstätten Kümmels liegen Welten: Bis jüngst noch Gemeindepfarrer, jetzt Seelsorger in einem Untersuchungsgefängnis. Er habe zuvor mit seinem Amtsvorgänger in regem Austausch gestanden und gewusst, was auf ihn zukommt, sagt er nun. Der Anfang sei dennoch schwierig gewesen: “Die ersten zwei Wochen hatte ich keinen Schlüssel, bin nur so mit der Diakonin mitgelaufen. Ich war der Schatten, wie ein Praktikant.” Wegen der üblichen Corona-Beschränkungen, musste außerdem die sonst zu Beginn übliche Hospitanz in unterschiedlichen Bereichen der JVA auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

Doch jetzt, beim Ortstermin in der neuen Gefängniskapelle, ab und zu auch “Mehrzweckraum” genannt, spricht Dieter Kümmel mit Begeisterung von seiner neuen Aufgabe. Nach insgesamt 28 Jahren Pfarraamt habe sich sein Schwerpunkt hin zum Seelsorger verlagert; es gehe nun mehr als vorher darum, Menschen in einer schwierigen Situation abzuholen. Und: Die Wirkungsstatt bringe auch eine gewisse Freiheit mit sich – während er in der Gemeinde immer vor Ort und damit ansprechbar gewesen sei, gehe er nun nach Feierabend nach Hause und sei ganz Privatperson.

Die vier Gefängnisseelsorger der JVA bieten wöchentlich mehrere Gottesdienste an, sind Ansprechpartner für die 380 Bediensteten und soll denen Halt geben, die das Leben oder einfach eine entsprechende Straftat auf einen der 780 Haftplätze verschlagen hat. Für manche sei das eine sehr traumatische Erfahrung. Wie geht er aber mit dem Wissen um, dass einige von ihnen vielleicht schwere Verbrechen begangen haben? “Es gilt die Unschuldsvermutung und ein Teil der Leute kommt ja auch wieder raus”, sagt Kümmel.

Allerdings seien die Auflagen in einem Untersuchungsgefängnis deutlich strenger als später, wenn die verurteilten Straftäter ihre eigentliche Haftstrafe verbüßen: “Dieser Raum hier”, deutet Dieter Kümmel auf die farbigen Transparentfolien am Fenster, die die Gitter fast verbergen, und auf den Blumenstrauß auf dem Altar, “gilt als der schönste der JVA”. Andererseits: Während die Anstalt für die Delinquenten nur Zwischenstation ist, bis zur Verhandlung, ist sie für die Angestellten Alltag.

Andererseits führe der beengte Aktionsradius auch dazu, die Dinge anders wahrzunehmen: Die Konzentration, mit der in der JVA Gottesdienste gefeiert würden, sei beeindruckend. Der Seelsorger zeigt eine Zeichnung vor, ein Dankeschön eines Insassen, dem er Buntstifte besorgt hatte. Es sind mit einem Mal die kleinen Dinge, die zählen. “Auch unsere Kalender sind begehrt”, sagt Kümmel. Aus offensichtlichen Gründen.

Die Gefängnisseelsorger sind weiche Punkte in einem System, das demjenigen knallhart erscheinen muss, der erstmals mit dem Gesetz in Konflikt kommt. Die wirklich schweren Jungs könnten dagegen versuchen, sich durch den Kontakt Vorteile zu verschaffen: Bisweilen zeichneten gerade sie sich durch Charme und Menschenkenntnis aus, erzählt Kümmel: “Man lernt hier gut, nein zu sagen.” Andererseits gehe es aber auch darum, den Insassen den Blick zu weiten.

Interessant: Die Begriffe “Freiraum” und “weiten” sind diesem Gespräch auffallend häufig gefallen. Auch das vielleicht ein Zeichen einer veränderten Wahrnehmung? “Schon möglich!”, lacht Kümmel. Aber er halte es mit Psalm 31: “Du stelltest meine Füße in weiten Raum.” Die Freiräume entstünden dann in einem selbst.


Von Susanne Müller-Baji

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